Götter im Gras


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Caritas Romana

Der musikalische Zyklus

Der Reigen der Stauen endet –wie er begonnen hat –wieder mit einer Figurengruppe. "Caritas Romana“ - eine Geschichte des römischen Dichters Valerius Maximus:
Der Philosoph oder Seher Cimon wurde zum Tod durch Verhungern verurteilt. Nur seine Tochter Pero durfte ihn im Kerker besuchen. Streng wird sie von den Wachen auf eingeschmuggelte Lebensmittel kontrolliert. Doch nichts war zu finden. Die natürliche Erklärung: bei ihren Besuchen ernährte die liebevolle Tochter ihren hungernden Vater, mit dem natürlichsten Lebensmittel der Welt: Muttermilch. Nachdem Cimon auch nach langer Haft noch am Leben war, standen die Richter vor einem Rätsel. Als bekannt wurde, durch welche außergewöhnliche Barmherzigkeit Cimon überleben konnte, konnten auch die Richter ihre Rührung nicht verbergen und begnadigten ihn. Die berührende Geschichte wurde zum Symbol christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit und taucht ab dem 15. Jh. oft auch als Motiv in zahlreichen Gemälden auf. Das Beeindruckende an der Geschichte ist nicht nur die Barmherzigkeit der Tochter, sondern auch ihre Bereitschaft, Tabus zu überschreiten. Zum einem das Tabu, einem Erwachsenen die Brust zu geben, zum anderen- und das wiegt noch schwerer - dem eigenen Vater die entblößte Brust zur Nahrungsaufnahme zu geben. Denn Letzteres streift die Grenzen zum Inzest. So eine mögliche Interpretation.
Die Geschichte selbst aber ist rein und liebevoll und bar jeder Erotik. Tatsächlich geht es um Barmherzigkeit pur, auch wenn die in diesem Fall über eine ungewöhnliche Form der Nächsten- und Tochterliebe zum Tragen kommt.




Einer der größten „Tabubrüche“ der europäischen Musikgeschichte ist die Zwölftonmusik, bei der über die physikalischen und tradierten Regeln der Musik hinweggegangen wird. Aus diesem Grund basiert das musikalische Thema für die Caritas Romana auf einer Zwölftonreihe und deren Umkehrung. Diese Reihe wird jedoch auf eine solche Weise mit traditionellen Harmonien und Kadenzen begleitet, dass der schwebende Zwölftoncharakter nicht zum Vorschein kommt, sondern ein ruhiger und versöhnlicher Eindruck entsteht.
Die Harmonien des Hauptthemas entsprechen denen des „Pluto und Proserpina“-Stücks,
handelt es sich doch hier um dasselbe Grundthema - bei der ersten Statue um die grausamste, bei der letzten um die uneigennützigste Variante zwischenmenschlicher Beziehungen.


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